„Ursprünglich wollte ich nur die Welt seh’n...”

Leseprobe 1


Wo waren Sie und Ihr Kommandant zum Zeitpunkt dieses furchtbaren Unglücks?

Ich war auf der Brücke und der Kommandant befand sich im Kartenraum direkt hinter mir, war aber sofort, nachdem es zum Zusammenstoß gekommen war, ebenfalls auf der Brücke. Wir wussten, dass sich der Zerstörer ganz in unserer Nähe befand. Aber der Zerstörer wusste in diesem Moment nichts von uns, so dass es zu diesem Schiffsunglück kommen konnte.

In welcher Höhe befanden Sie sich, als Sie springen mussten?

Erst in etwa dreißig, dann vielleicht nur noch in zehn Metern Höhe. Die Schotten der „Tiger“ brachen, so dass der Bug allmählich immer tiefer sank, auf dem wir saßen. Was uns am meisten störte, war das Öl, in das wir hineinspringen mussten. Wir schwammen relativ lange in dieser Brühe herum, bis wir von dem Zerstörer aufgenommen wurden, der uns gerammt hatte. Der war bis zur Brücke platt gedrückt, hatte aber einen Arzt an Bord, so dass wir sofort richtig behandelt wurden. Meine Augen wurden laufend mit Wasser gespült, und ich musste drei oder vier Flaschen Mineralwasser trinken, um das Schweröl herauszukriegen. Das ist ja ätzend wie Säure. Wir wurden dann in Swinemünde abgesetzt.
Ich besitze noch ein Foto, wie die ganze gerettete Besatzung mit den Rettern zusammensteht; wir hatten nur zwei Tote zu beklagen.

Gerettete Besatzung der Tiger mit ihren Rettern; I W.O. Witte vorne links

Gerettete Besatzung der Tiger mit ihren Rettern; I W.O. Witte vorne links

Die Chance, dass wir gerettet wurden, war übrigens von vorneherein sehr groß, obwohl das Wasser mit 12 Grad über null ziemlich kalt war. Man sagt ja, dass jedes Grad Wassertemperatur für eine Minute Überleben steht. In Narvik mussten wir in Null Grad kaltes Wasser, aber darauf komme ich später noch.

Das war also der erste Verlust der deutschen Kriegsmarine, den sie sich aber selbst beigebracht hatte.

Ich glaube sogar, der erste Verlust der ganzen Wehrmacht überhaupt. Denn die ist ja erst am nächsten Morgen Richtung Polen losmarschiert. Als das Unglück geschah, sollten wir gerade von unserem bisherigen Standort Wilhelmshaven nach Swinemünde verlegt werden. Das heißt, während man sonst das, was man nicht täglich braucht, an Land zurücklässt, hatte ich auf dieser Fahrt der „Tiger” all meine guten Sachen bei mir, einschließlich meines Fotoapparates. Es war alles weg! Nachher gab es nur noch die vom Stoff her ganz billigen Kriegsuniformen, die nur aus Jacke, Hose und Mantel bestanden. In Swinemünde erhielten wir dann eine besondere Belobigung vom damaligen Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Raeder, weil wir bei diesem schweren Schiffsunglück einen Verlust von zwei Toten erlitten hatten. Die beiden Kameraden waren gerade unten am Kessel gewesen, als die Kollision erfolgte. Dabei hatten wir noch großes Glück, denn unsere Torpedos waren scharf gewesen. Der Bug des Zerstörers warf sie hoch. Aber sie explodierten nicht, weil sie nicht auf ihre Zünder auftrafen, als sie wieder herunterkamen.