„Ursprünglich wollte ich nur die Welt seh’n...”

Vorwort


Dr. Lothar Witte

Im tiefsten Herzen war mein Vater immer Seemann. Diese Leidenschaft prägte ihn bis zu seinem Lebensende und fand ihren Ausdruck nicht zuletzt in seinem mit Fotoalben sowie zahllosen Büchern und Bildern voll gestopften Arbeitszimmer. Hier finden sich Raritäten mit z.T. beeindruckendem Erinnerungswert: sein von der Mannschaft handgefertigtes Modell von U-159, ein deformiertes Stück einer Granate, die ihn beim „Paukenschlag vor Kapstadt” traf (aber zum Glück nur wenig verletzte) und natürlich sein U-Boot-Gästebuch, in dem die Besuche anderer Besatzungen auf hoher See in launigen Texten, Versen und bunten Zeichnungen festgehalten wurden - ein Dokument der völlig anderen Art inmitten eines umbarmherzigen Krieges, zumal diesen nur wenige Verfasser der Beiträge überlebten.

Mein Vater empfand es seinerzeit als hohe Auszeichnung, zur handverlesenen Schar der Seeoffiziersanwärter zu gehören, obwohl es ihm im ersten Anlauf verwehrt worden war. Nur durch den tragischen Untergang des Schulschiffs „Niobe” mit sämtlichen Offiziersanwärtern eines Jahrgangs konnte er in die Crew 34 nachrücken.

Politisch war mein Vater dahingegen völlig unambitioniert. Als damals mit 26 Jahren jüngster U-Boot Kommandant Deutschlands übersah er nicht die fatalen Machenschaften des nationalsozialistischen Regimes, sondern ordnete sich als streng ausgebildeter Marineoffizier dem Befehlshaber der U-Boote (BdU) und späteren Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dönitz, wie selbstverständlich unter. Stolz, dieser Elite anzugehören, hatte er den Anspruch an sich selbst, ganz vorn in der Reihe der Besten zu stehen. Seine Versenkungsrekorde in Verbindung mit dem Bestreben, den betroffenen Seeleuten auch gegen die Befehlslage nicht übermäßigen Schaden zuzufügen, ja sie sogar mit nautischen Geräten zu versorgen, war typisch für die Charakterstruktur meines Vaters. Träger des Ritterkreuzes, des EK1 und EK2 sowie zahlreicher weiterer Orden einerseits und Empfänger von Care-Paketen und Arbeitsangeboten aus den USA andererseits waren ebenso wie lange währende Freundschaften zu Offizieren „des Feindes” Ausdruck seiner von ihm verkörperten Symbiose aus aktiver Kriegsteilnahme und Menschlichkeit. Die unsägliche Behauptung „Alle Soldaten sind Mörder” hat ihn zutiefst verletzt.

Die große Enttäuschung, bei der Handelsmarine Anfang der 50er Jahre keine Aufnahme mehr zu finden, ließ ihn kurzfristig, aber ernsthaft über das Werben aus den USA nach Übersiedlung seiner damals noch vierköpfigen Familie nachdenken. Sein Weg vom „Nichts” nach dem Krieg bis ins obere Management namhafter Industrieunternehmen gründete nicht zuletzt auf seiner militärischen Prägung. Diese trug dazu bei, wieder Tritt zu fassen und auch im Nachkriegs-Deutschland Erfolg zu haben.

Seine Liebe aber blieb die Seefahrt, blieb die Marine. Sie zeigte sich in seinen unendlichen Geschichten und Anekdoten. Die große Resonanz auf seine bewegenden Vorträge über seine Erfahrungen mit menschlichem aber auch äußerst unmenschlichem Verhalten von Offizieren der Kriegsmarine und der Alliierten erfüllten ihn mit Stolz.

Dies alles niedergeschrieben zu wissen, war der letzte Wunsch meines Vaters nach anfänglicher Skepsis gegenüber meiner Idee. Er starb am 3. Oktober 2005 im Alter von 90 Jahren kurz nach der Vorlage des ersten Manuskripts an den Folgen eines Unfalls im Urlaub. Der Tatkraft und der sachkundigen Unterstützung durch den Historiker und Publizisten Dr. Dirk Bavendamm sei es gedankt, dass diese Biografie dennoch verfasst werden konnte. Herr Detlef Hagemeier hat sie mit seinem umfangreichen Fachwissen über den Seekrieg bereichert.

Ich selbst habe diesen Lebensabschnitt meines Vaters erst durch die Bearbeitung dieses Buches richtig kennen gelernt. Leider zu spät - ich hätte ihm gern noch gesagt, dass ich zu seiner Zeit und an seiner Stelle genauso gehandelt hätte.

Siegburg im August 2006
Lothar Witte